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Schuften, bis der Arzt kommt?

UH

Muss doch nicht sein. Wie es anders und besser geht, führen aktuell die Schweden vor. Im Rahmen eines Pilotprojekts in Göteborg stellen öffentliche Unternehmen schon über ein Jahr lang den Sechs-Stunden-Arbeitstag auf die Probe. Die vorläufigen Ergebnisse machen Lust auf mehr: Die Beschäftigten sind entspannter, gesünder und alles in allem produktiver in ihrem Job. Das freut auch den Boss. Wegen des Effizienzzugewinns machen sich die höheren Personalkosten bei den »Arbeitgebern« schlussendlich sogar bezahlt. Schön obendrein: Das Projekt sorgt weltweit für Aufsehen. Selbst in »Amerika«, dem vermeintlichen Hort des unregulierten Turbokapitalismus.

Schuften, bis der Arzt kommt? Muss doch nicht sein. Wie es anders und besser geht, führen aktuell die Schweden vor. Im Rahmen eines Pilotprojekts in Göteborg stellen öffentliche Unternehmen schon über ein Jahr lang den Sechs-Stunden-Arbeitstag auf die Probe. Die vorläufigen Ergebnisse machen Lust auf mehr: Die Beschäftigten sind entspannter, gesünder und alles in allem produktiver in ihrem Job. Das freut auch den Boss. Wegen des Effizienzzugewinns machen sich die höheren Personalkosten bei den »Arbeitgebern« schlussendlich sogar bezahlt. Schön obendrein: Das Projekt sorgt weltweit für Aufsehen. Selbst in »Amerika«, dem vermeintlichen Hort des unregulierten Turbokapitalismus.

Zuletzt hat die alte »graue Lady« des bürgerlichen Journalismus, die New York Times (NYT), über den Vorgang berichtet. In dem Beitrag kommt Arturo Perez, alleinerziehender Vater und Angestellter im Altersheim Svartedalens zu Wort: »Gut ist, dass wir glücklich sind«, und: »Ein glücklicher Arbeiter ist ein besserer Arbeiter«, wird er zitiert. Die Einrichtung testet die 30-Stunden-Woche seit Februar 2015, und das mit Erfolg. Ein im April vorgelegter Zwischenbericht offenbart, dass die Zahl krankheitsbedingter Arbeitsausfälle auf die Hälfte des Göteborger Schnitts gesunken ist und sich die Qualität der Arbeit jedes einzelnen und insgesamt nachhaltig verbessert hat. Der britische Guardian hatte das Thema bereits im Vorjahr aufgegriffen und die Assistenzschwester Lise-Lotte Pettersson zitiert: »Früher bin ich auf dem Sofa zusammengeklappt, wenn ich von der Arbeit kam.« Jetzt sei sie sie immer ausgeschlafen und habe viel mehr Arbeitsenergie und Zeit für ihre Familie.

Der auf zwei Jahre angelegte Feldversuch zur »Zukunft der Arbeit« geht auf eine Initiative der schwedischen Linkspartei (Vänsterpartiet) zurück, die bis zu den letzten Wahlen 2014 gemeinsam mit Sozialdemokraten und Grünen die Stadtregierung in Göteborg stellte. Dabei wurden die städtischen Bediensteten im Gesundheitsbereich gebeten, sich freiwillig in zwei Gruppen zu teilen. Die einen sollten weiterhin acht Stunden pro Tag, die anderen nur mehr sechs Stunden arbeiten, und dies bei gleichem Lohn. Bis zum Jahresende 2016 soll anhand eines Langzeitvergleichs in Erfahrung gebracht werden, ob und in welchem Ausmaß sich eine reduzierte Arbeitszeit förderlich auf die Leistungsfähigkeit und Gesundheit der Betroffenen auswirkt.

Mit von der Partie ist auch das Sahlgrenska-Universitätsspital. Im Vorjahr hat man die Orthopädiestation probeweise auf das Modell umgestellt, 15 zusätzliche Ärzte und Schwestern engagiert und die OP-Zeiten erweitert. Trotz der damit verbundenen Mehrkosten von monatlich mehr als 100.000 Euro ist man in der Chefetage begeistert. Wie Spitalgeschäftsführer Anders Hyltander gegenüber der NYT schilderte, melde sich so gut wie keiner mehr krank, die Einheit schaffe 20 Prozent mehr Operationen, und die Wartezeiten auf einen OP-Platz hätten sich »von Monaten auf Wochen« reduziert. Das rechne sich auch volkswirtschaftlich, weil die Patienten so schneller genesen könnten und eher wieder arbeitsfähig wären. »Jahrelang wurde uns gesagt, dass die 40-Stunden-Woche optimal sei«, so Hyltander. »Ich denke, wir sollten das hinterfragen.«

Die Forschung ist in der Frage ohnehin schon deutlich weiter. Nach Befunden der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sind wöchentliche Arbeitszeiten von 40 und mehr Stunden gesundheitsschädlich. Magen-Darm-Beschwerden oder Rückenschmerzen nehmen demnach mit wachsendem Arbeitspensum signifikant zu. Der schwedische Psychologe Karl Anders Ericsson hat wiederholt nachgewiesen, dass der Mensch nur vier bis fünf Stunden konzentriert und produktiv arbeiten kann. Mit jeder Stunde mehr gehe es mit der Leistungsfähigkeit bergab. Wissenschaftler der Universität von Melbourne haben gerade erst ermittelt, dass das Hirn ab 25 Arbeitsstunden pro Woche schlappmacht. »Das deutet darauf hin, dass Teilzeitarbeit geeigneter ist, um die kognitiven Fähigkeiten der Menschen zu verbessern«, wurde Studienautor Colin McKenzie vor knapp zwei Monaten vom Webportal Business Insider wiedergegeben.

Heutzutage beschäftigen sich Informatiker und Kybernetiker einzig und allein damit, die menschliche Arbeit zu vernichten, während Kapitallobbyisten zugleich auf eine weitere Verlängerung der Wochen- und Lebensarbeitszeit aus sind. Dass dieser Irrwitz früher oder später zu schlimmsten gesellschaftlichen Verheerungen führt, sofern nicht endlich über eine gerechtere Verteilung sowie über Sinn und Unsinn von Erwerbsarbeit nachgedacht wird, ist ausgemacht. Das Göteborger Experiment hat vielleicht das Zeug, eine überfällige Debatte anzustoßen, auch in Deutschland, wo sich die 35-Stunden-Woche längst wieder auf dem Rückzug befindet.

Übrigens: Eine Toyota-Werkstatt in Göteborg lässt ihre Mitarbeiter schon seit 13 Jahren im Sechs-Stunden-Schichtsystem arbeiten. Nach der Umstellung sei der Gewinn um 25 Prozent gestiegen. Wer weiß? Wenn Mehrarbeit zur Profitbremse wird, neigt vielleicht ja sogar der Kapitalistenkopf zur Einsicht.

Artikel übernommen aus jW; weiter zu Junge Welt:

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